Konflikte früh erkennen: 7 Warnsignale – und wie du sie mit GFK ansprichst

Es gibt Konflikte, die hörst du schon von weitem: laut, heiß, dramatisch. Und dann gibt es die gefährlicheren – die leisen. Die, die sich nicht wie Streit anfühlen, sondern wie… zähes Schweigen, wie kühle Höflichkeit, wie „passt schon“ mit Betonung auf schon.

In Unternehmen kosten diese stillen Konflikte richtig Geld: Zeit, Qualität, Motivation, Vertrauen. Und irgendwann eskalieren sie dann doch – nur eben spät, überraschend und meist dort, wo es am meisten weh tut: im Projekt, in der Zusammenarbeit, in der Führung. 

Die gute Nachricht: Konflikte kündigen sich an. Fast immer. Und du kannst sie früh erkennen – und klug ansprechen, bevor aus Sand im Getriebe ein Motorschaden wird. In diesem Artikel zeige ich dir 7 Warnsignale und eine praxistaugliche Art, sie mit GFK (Gewaltfreier Kommunikation) anzusprechen – klar, respektvoll, ohne „Therapie-Sprech“.

Was GFK im Business für mich wirklich ist (und was nicht)
GFK wird oft missverstanden als „nett reden“ oder „Konflikte vermeiden“. Beides ist Quatsch. GFK ist Konfliktkompetenz. Sie hilft dir, Beobachtungen von Bewertungen zu trennen, das eigentliche Bedürfnis hinter einem Ärger zu erkennen – und eine konkrete Bitte zu formulieren, die Zusammenarbeit wieder möglich macht. Nicht weich, sondern wirksam.

Die 7 Warnsignale für schwelende Konflikte
1) „Ja, passt schon.“ (mit dem Unterton von: bitte frag nicht nach)
Wenn Menschen innerlich aussteigen, sagen sie selten „Ich bin raus“. Sie sagen „passt schon“ – und meinen: Ich habe aufgegeben, mich zu erklären.
Typisch im Business: Zustimmung ohne Energie, keine Rückfragen, kein Commitment.

Mein Vorschlag für eine GFK-Ansprache (kurz & klar):
„Mir ist aufgefallen, dass du gerade sehr schnell zustimmst und wenig sagst. Ich bin unsicher, ob das wirklich passt, weil mir Verbindlichkeit wichtig ist. Kannst du kurz sagen, was du wirklich dazu denkst?“

2) Rückzug: weniger Austausch, weniger Blickkontakt, weniger „wir“
Wenn die Kommunikation abnimmt, ist das nicht automatisch „alle sind busy“. Manchmal ist es ein Schutzschild.

GFK-Ansprache:
„Ich habe bemerkt, dass wir in den letzten Wochen weniger abstimmen und du seltener reagierst. Ich bin irritiert, weil mir gute Zusammenarbeit wichtig ist. Wäre es okay, wenn wir 15 Minuten nehmen und schauen, was gerade zwischen uns steht?“

3) E-Mail-Pingpong statt 2 Minuten Gespräch
Ein Klassiker: Je mehr Reibung, desto mehr CC, desto weniger Mut zum direkten Gespräch.

GFK-Ansprache:
„Ich merke, dass wir gerade viel schriftlich klären und es dabei eher zäher wird. Ich bin angespannt, weil mir Effizienz und Klarheit wichtig sind. Können wir das kurz telefonisch klären – heute noch 10 Minuten?“

4) Sarkasmus, Spitzen, „lustige“ Kommentare
Humor ist super. Sarkasmus ist oft ein Umweg für Ärger: „Ich sag’s dir, ohne es zu sagen.“

GFK-Ansprache:
„Als eben die Bemerkung kam, habe ich mich getroffen gefühlt, weil mir Respekt wichtig ist. Ich möchte gern direkt klären, was dich gerade ärgert – kannst du es mir offen sagen?“

5) Wieder dieselbe Diskussion – ohne Ergebnis
Wenn ein Thema ständig wiederkommt, ist es selten das Thema. Es ist oft etwas darunter: Zuständigkeit, Priorität, Anerkennung, Einfluss.

GFK-Ansprache:
„Wir sind jetzt zum dritten Mal bei demselben Punkt. Ich bin frustriert, weil mir Fortschritt wichtig ist. Was fehlt dir, damit du hier wirklich zustimmen kannst – oder was brauchst du von mir, damit wir entscheiden können?“

6) Mikro-Kontrolle („Schick mir das nochmal zur Freigabe“)
Kontrolle ist manchmal Qualitätssicherung – manchmal aber Misstrauen im Anzug.

GFK-Ansprache:
„Mir fällt auf, dass du mehr Zwischenstände und Freigaben einforderst als früher. Ich bin verunsichert, weil mir Vertrauen wichtig ist. Geht es dir um Risiken, um Qualität – oder ist irgendwo etwas offen zwischen uns?“

7) Lagerbildung: „Wir“ vs. „Die“
Sobald Menschen in Gruppen sprechen, statt als Personen, ist Teamgeist meist schon im Nebel.

GFK-Ansprache:
„Ich höre häufiger Formulierungen wie ‚ihr da drüben‘ oder ‚die aus X‘. Ich werde aufmerksam, weil mir Zusammenarbeit über Bereiche hinweg wichtig ist. Können wir konkret machen: Was ist genau das Problem – und was wäre eine faire Lösung für beide Seiten?“

Die GFK-Formel, die im Business funktioniert
Die klassische GFK besteht aus vier Schritten:
Beobachtung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte

Im Business brauchst du vor allem eins: eine Formulierung, die nicht peinlich klingt. Hier ist meine praxistaugliche Version:
„Wenn ich ___ beobachte, dann merke ich ___, weil mir ___ wichtig ist. Wäre es für dich ok, wenn wir ___?“

Ein paar Beispiele:

„Wenn Unterlagen erst am Abend vorher kommen, bin ich gestresst, weil ich Qualität liefern will. Können wir einen Cut-off bis 12 Uhr am Vortag vereinbaren?“

„Wenn wir im Meeting mehrfach ins Wort fallen, werde ich unruhig, weil mir Klarheit wichtig ist. Können wir reihum sprechen oder ich kurz zusammenfassen und dann du?“

„Wenn Entscheidungen immer wieder vertagt werden, werde ich ungeduldig, weil mir Verbindlichkeit wichtig ist. Können wir heute eine Entscheidung treffen – oder klar festlegen, welche Info dafür fehlt?“

Pro-Tipp:
Das Wort „Gefühl“ musst du nicht sagen. Du musst es nur zeigen. „Ich bin irritiert / angespannt / unsicher“ reicht völlig.

Deeskalation in 90 Sekunden (wenn es schon knallt)
Wenn das Gespräch heiß läuft, helfen drei Sätze – simpel, aber stark:
  • Tempo raus:
    „Stopp – ich will das verstehen, nicht gewinnen.“
  • Spiegeln statt kontern:
    „Du bist gerade richtig genervt, weil ___ – stimmt das?“
  • Ziel definieren:
    „Wollen wir Recht haben – oder eine Lösung, die funktioniert?“
Das ist keine Zauberei. Aber es ist oft der Moment, in dem ein Gespräch wieder erwachsen wird.

Funktioniert das auch privat?
Ja. Und zwar erschreckend gut.
Denn egal ob Projektmeeting oder Partnerschaft: Menschen wollen gesehen werden, ernst genommen werden, sicher sein.
Der Unterschied ist nur die Bühne: Im Business trägt der Konflikt Anzug, privat trägt er manchmal Schweigen. Die Mechanik dahinter ist dieselbe – und GFK ist in beiden Welten ein erstaunlich gutes Navigationsgerät.

Mini-Check: Dein Konflikt-Thermometer (30 Sekunden)
Bewerte die Beziehung/Zusammenarbeit gerade auf einer Skala von 0 bis 10:
  • 0–3: kalt / Rückzug / „nur noch funktionieren“
  • 4–6: Reibung spürbar, aber Gespräch noch möglich
  • 7–10: offen, direkt, produktiv (auch mit Konflikten)
Dann frag dich:
Was wäre ein kleiner Schritt, der +1 bringt? Nicht „alles lösen“. Nur +1.
Manchmal ist +1 einfach: ein Gespräch anfangen, bevor sich der Knoten zuzieht.

Konflikte sind nicht das Problem
Unklare, unausgesprochene, verschleppte Konflikte sind das Problem.
Wenn du früher hinschaust, früher benennst und früher bittest, rettest du nicht nur Projekte – du rettest Beziehungen im Team. Und manchmal auch den eigenen Schlaf.

Wenn du magst: Nimm dir eine Situation aus deinem Alltag und probier die Satzschablone aus. Und wenn du willst, üben wir das einmal gemeinsam an einem echten Fall – mit Formulierungen, die zu dir passen und im Businesskontext sauber sitzen. Vereinbare einen Termin.
Visionboard ohne Bastelstress: 4 Bereiche, 1 Leitbild-Satz, 3 Wörter, 1 Mikro-Schritt.
von Thorsten Henning 27. Dezember 2025
Visionboard für ITler: weniger Kitsch, mehr Klarheit. In 30 Minuten vom Detail zurück zur Richtung – inkl. editierbarer Vorlage zum Download.
Die festliche Jahreszeit sollte von Liebe, Freude und Frieden geprägt sein.
von Thorsten Henning 22. Dezember 2025
Streit an Weihnachten vermeiden: Mit klaren Absprachen, Rückzugsräumen und Achtsamkeit zu einem entspannten Fest ohne Drama in der Familie.
Foto: Gary Spears
von Thorsten Henning 8. Dezember 2025
Die Vorfreude auf die festliche Jahreszeit kann schnell von Stress überlagert werden, wenn die Vorbereitungen für Weihnachten in vollem Gange sind. Zwischen Geschenkekauf, Festtagsmenü-Planung und dem Dekorieren des Hauses vergessen viele Menschen oft, den eigentlichen Sinn der Feiertage zu genießen – Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. In diesem Artikel möchten wir einige hilfreiche Tipps teilen, um Weihnachtsstress zu vermeiden und die Festtage in vollen Zügen zu genießen.
von Thorsten Henning 24. November 2025
Unterschiedlich statt einig: Wie Teams Vielfalt nutzen – vom Nervfaktor zur Schlüsselrolle
von Thorsten Henning 18. Oktober 2025
Nein sagen im Job – klar, respektvoll, wirksam. Praxis-Sätze, Übungen & Trade-offs, die Ergebnisse schützen statt Beziehungen belasten.
Rotes Weinlaub an einer alten Mauer unter goldenem Herbstlaub – Symbol für Wandel und Loslassen
von Thorsten Henning 15. Oktober 2025
Lerne, wie du durch die richtige innere Haltung den Wandel des Herbstes als Chance sehen kannst – für Gelassenheit, Wachstum und Selbstreflexion.
Prozess oder Mensch? Warum gute Führung beides braucht Bild: Pixabay)
von Thorsten Henning 13. Oktober 2025
Führung gelingt, wenn Struktur und Menschlichkeit im Gleichgewicht sind. Erfahre, wie du als Leader beides bewusst verbindest.
Zahnräder als Metapher für Unternehmensprozesse, Hände als Symbol für Kunden- und Mitarbeiter.
von Thorsten Henning 2. Oktober 2025
Ein Krankenhausaufenthalt zeigt: Prozesse laufen, doch der Mensch rückt aus dem Blick. Was Teams daraus lernen können.
Frau in Videokonferenz mit drei Kollegen – Beispiel für Remote-Arbeit (Foto: Anna Shvets, Pexels).
von Thorsten Henning 25. September 2025
Remote & Hybrid führen 2025: 5 beste Praktiken für Klarheit, Vertrauen & Teamzusammenhalt – Führung bleibt Beziehungsarbeit.
Nachenklich Foto von Andrea Piacquadio
von Thorsten Henning 7. August 2025
Die Tage sind voll, die Verantwortung wächst, Entscheidungen wollen getroffen werden – aber das gute Gefühl bleibt aus.

Keinen Blog Beitrag mehr verpassen?

Zur Newsletter Anmeldung